Roger Schutz (1915–2005)

Kommunitätsgründer, Christ über konfessionelle Grenzen hinweg und Pilger auf dem Weg des Vertrauens auf der Erde

Brother Roger Schutz
Brother Roger Schutz / © WCC archives B4240-36

«Christus ist nicht auf die Erde gekommen, um eine neue Religion zu gründen, sondern um allen Menschen eine Gemeinschaft in Gott zu eröffnen.»

 Frére Roger, bürgerlich Roger Louis Schutz, war Gründer und lebenslang Prior der ökumenischen Bruderschaft «Communauté de Taizé» im französischen Burgund. Er wuchs als Jüngster unter neun Geschwistern in einem reformierten Pfarrhaus in Provence am Neuenburger See auf. Sein Vater Karl Ulrich Schütz stammte aus dem Zürcher Unterland, seine Mutter Amélie Henriette Schütz-Marsauche aus Burgund. Als seine Schwester Lily schwer erkrankte, begann Roger Schutz, der selbst in seiner Jugend unter Tuberkulose litt, zu beten. Trotz Glaubenszweifeln nahm er 1936 an der Fakultät der «Freien Evangelischen Kirche des Kanton Waadt» in Lausanne ein Theologiestudium auf. Die Professoren waren mehrheitlich liberal und modernistisch, so dass Schutz sich verstärkt mit monastische Leben beschäftigte, das er in der Kartause von Valsainte FR, in Paris und Strassburg kennenlernte. Im Juli 1939 nahm Schutz an der evangelischen Weltjugendkonferenz in Amsterdam teil, eine letzte grosse ökumenische Veranstaltung vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Schutz wurde Vorsitzender der Lausanner Christlichen Studentenvereinigung, aus der später viele in seine Kommunität eintraten.

Einen Platz für sein monastisches Leben fand Schutz mit dem Velo an der Grenze zum besetzten Frankreich 1940. Im kleinen, verarmten Dorf Taizé kaufte er ein baufälliges Herrenhaus und 14 Hektar, weil ihn eine arme Frau aus dem Ort aufgefordert hatte dortzubleiben. Er glaubte in den Worten die Stimme Jesu zu vernehmen. So begann Schutz allein mit dem Umbau, Landwirtschaft und einem Asyl für Flüchtlinge. Er wollte zunächst «ein inneres Leben im Gebet führen und Verantwortung übernehmen, um die Erde bewohnbarer zu machen», empfing Besuchende. Einzig seine Schwester Geneviève zog zu ihm, später folgen die ersten drei Mitbrüder. Vor einer drohenden Verhaftung musste er 1942 wieder in seine Heimat zurückkehren, wo er in Genf ein gemeinsames Leben mit den ersten Brüdern begründete. Im Juli 1944 wurde Schutz in der Reformierten Kirche Neuenburg ordiniert, erhielt aber keine Pfarrstelle, sondern war für den missionarischen Dienst ausserhalb der Gemeinde zuständig. Im gleichen Jahr nahm er mit seinen Mitbrüdern die Arbeit in Taizé für Kriegsgefangene und Waisen auf. Die Mutterrolle übernahm Geneviève, die ihre Karriere aufgab, um den Rest ihres Lebens in Taizé zu verbringen. Inspiration für Frère Rogers Engagement für Menschen in Not war zum einen sein jahrelanger Kampf gegen Lungentuberkulose, zum anderen seine Grossmutter, die sich während des ersten Weltkriegs um Kriegsflüchtlinge kümmerte. 1949 legten die ersten sieben Brüder ihr lebenslanges Gelübde ab. Frère Roger lehnte den Titel Prior der Kommunität immer wieder ab, er bezeichnete sich stets als Diener der Gemeinschaft.

Frère Roger lebte die Ökumene und tatkräftige Hilfe für die Armen weltweit. Ökumene war für ihn dabei keine intellektuelle Angelegenheit, sondern eine Selbstverständlichkeit. Sein Wirken war vom Grundgedanken der Versöhnung getragen. Er betonte in allem die Liebe Gottes, die ausnahmslos allen gilt. Sein Hauptwerk ist «Die Quellen von Taizé». In den Gebeten und Liedern der Kommunität sind die Einfachheit im Glauben, die Freude an der Gemeinschaft der Menschen mit Jesus und Gott und die Barmherzigkeit im menschlichen Zusammenleben zentrale Themen. Frère Roger und Frère Max waren als evangelische Pfarrer Gäste beim Zweiten Vatikanischen Konzil. 1974 fand in Taizé das Konzil der Jugend mit 40.000 Teilnehmenden statt. Seit den 60ern kommen jungen Menschen aus der ganzen Welt auf ihrer spirituellen Suche nach Taizé (heutzutage bis zu 6000 pro Woche). Derzeit leben ca. 100 Brüder aus unterschiedlichen Konfessionen und 50 Nationen in verschiedenen Kommunitäten weltweit mit benachteiligten Menschen zusammen. Die reformierte Frauengemeinschaft von Grandchamp übernahm 1953 die Taizé-Regeln und ist somit Ableger von Taizé in der Schweiz.

Papst Johannes Paul II besuchte die Brüder 1986 und lobte ihr Vorbild für die Jugend. Seit über 40 Jahren organisiert die Kommunität zusätzlich Jugendtreffen über den Jahreswechsel in jeweils einer europäischen Grossstadt mehreren zehntausend Besuchenden.

Papst Franziskus sagt 2014 über die Jugendtreffen: «Gerade die Jugendlichen – ich denke zum Beispiel an die Scharen von jungen Orthodoxen, Katholiken und Protestanten, die sich auf den von der Gemeinschaft von Taizé organisierten internationalen Treffen begegnen – fordern uns heute auf, Fortschritte zur vollen Gemeinschaft hin zu machen. Und dies nicht, weil sie die Bedeutung der Unterschiede, die uns noch trennen, ignorieren, sondern weil sie weiter zu sehen vermögen und fähig sind, das Wesentliche, das uns schon eint, zu erfassen.» Zum zehnten Todestag von Frère Roger brachte der Papst 2015 dessen Bedeutung für die ökumenische Bewegung auf den Punkt: Unter Beibehaltung seiner protestantischen Herkunft habe er sich den verschiedenen christlichen Traditionen geöffnet und mit seiner lebenslangen Ausdauer dazu beigetragen, dass sich die Beziehungen unter den noch getrennten Christen veränderten, indem er für viele einen Weg der Versöhnung aufgezeigt habe.

Frère Max und Frère Roger von der Gemeinschaft von Taizé im Gespräch mit Kardinal Augustin Bea und Papst Johannes XXIII. Bild: KNA

Frère Max und Frère Roger von der Gemeinschaft von Taizé im Gespräch mit Kardinal Augustin Bea und Papst Johannes XXIII. Bild: KNA