Geneviève Micheli (1883–1961) und Marguerite de Beaumont (1895–1986)

Gründerinnen der Kommunität von Grandchamp, Wandlerinnen auf dem Weg der Gemeinschaft

Geneviève Micheli und Marguerite de Beaumont
© Communauté de Grandchamp

«Ich denke, dass die Begegnung mit Christus, als er auf der Erde war, die gleiche Weite und die gleiche Kraft hatte wie eine Stille, die ganz von Gott durchdrungen ist. Und heute ist es genauso. Er befreite den Menschen von seiner Erstarrung, seinen falschen Reichtümern, seiner Zerstreuung, die auch eine Form des Todes ist, und er zeugte von der Kraft Gottes.»

« Je pense que lorsque Christ était sur terre, sa rencontre avec une âme avait toute l’ampleur, et la puissance d’un silence tout pénétré de Dieu. Aujourd’hui, il en est de même. Il libérait l’être humain de sa cristallisation, de ses fausses richesses, de sa dispersion qui est une mort, et il affirmait la puissance de Dieu. »

Zitate von Geneviève Micheli, 1938

Geneviève Micheli wurde in Frankreich als Tochter einer väterlicherseits katholischen Adelsfamilie und mütterlicherseits einer protestantischen Familie aus dem Elsass geboren. Sie heiratete 1902 nach Genf und bekam drei Kinder. Nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes 1910 wandte sie sich intensiv der Religion zu und wurde 1913 Mitbegründerin der Dames de Morges (Damen von Morges), einer Gemeinschaft verheirateter protestantischer Frauen, die sich zu geistlichen Übungen versammelten. 1928 lehrte sie Marguerite de Beaumont kennen. Micheli leitete die ersten Exerzitien in Grandchamp ab 1931, die Beaumont organisierte. Von 1930 bis 1940 war Geneviève Micheli zum Studium in Paris, wo sie in ökumenischen Kreisen Kontakte knüpfte. Schliesslich kehrte sie auf Bitten Beaumonts nach Grandchamp zurück und wurde 1944 die Oberin der Gemeinschaft, genannt Mère Geneviève. Die Schwestern sind geprägt durch die schmerzliche Erfahrung der Trennung der Christinnen und Christen. So ist ihnen von Anfang an das Gebet Jesu für die Einheit der Seinen ein besonderes Anliegen. Anregungen für ihre Entwicklung empfingen sie auch von dem katholischen Abt Paul Couturier.

Marguerite de Beaumont stammte aus der Genfer Oberschicht. Sie blieb Zeit ihres Lebens unverheiratet und war gelernte Krankenschwester, da sie das Leid der Armen und die soziale Ungerechtigkeit berührte. 1928 hielt sie sich mit Geneviève Micheli, der Mitbegründerin und späteren Oberin von Grandchamp, in Assisi auf. Die beiden Frauen standen sich ihr Leben lang nahe. Zu Beginn der 1930er Jahre entdeckten sie mit einigen Frauen aus der reformierten Kirche der Westschweiz von neuem, wie wichtig die Stille für ihr Glaubensleben ist. So bereitete Beaumont geistliche Retraiten vor, die zunächst einmal jährlich in Grandchamp, einem kleinen Weiler am Neuenburgersee, stattfanden. Nachdem Beaumont sich 1931 erstmals in Grandchamp zurückgezogen hatte, liess sie sich ab 1936 zusammen mit einer weiteren Schwester endgültig dort nieder, um das Haus ganzjährig für Gebete und Exerzitien offen zu halten. Als 1940 die nächste Dame beitrat, begann das Gemeinschaftsleben Form anzunehmen. Es verband kontemplatives Leben und geistlichen Dienst miteinander, eine monastische Form wurde angestrebt. Für die ersten Schwestern waren die Meditation des biblischen Wortes sowie das aufmerksame Hören auf die Tradition der Kirche von grundlegender Bedeutung bei ihrer Suche nach einem gemeinsamen, vom Geist Gottes geleiteten Leben. 1940 besuchte Roger Schütz, der spätere Frère Roger, die Gemeinschaft und wurde durch Gespräche mit Beaumont dazu inspiriert, die ökumenische Communauté de Taizé zu gründen. Nach dem Krieg stiessen junge Frauen aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zu den Schwestern von Grandchamp.

1952 legte Beaumont das Ordensgelübde als eine der ersten sieben Schwestern ab und entschied sich für ein Engagement auf Lebenszeit. Unter der Leitung der Oberin Geneviève Micheli entschied sich die Kommunität von Grandchamp als evangelische Schwesterngemeinschaft unterschiedlicher protestantischer Traditionen nach einer frühen Fassung der Regeln der Kommunität von Taizé zu leben. Beaumont lebte zeitweise in mit Grandchamps verbundenen Gemeinschaften, so 1957 im Libanon, 1957 und 1962 in Israel und von 1963 bis 1985 in Taizé.

Trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere waren Schwester Marguerite und Mutter Geneviève eng verbunden in ihrer Glaubenserkenntnis und Berufung. Durch jede von ihnen offenbarte sich Christus der anderen.

Heute zählt die Kommunität etwa fünfzig Schwestern aus unterschiedlichem Kirchen, Ländern, Kulturen. Die meisten leben in Grandchamp, einige auf dem Sonnenhof im Baselland und andere an anderen Orten in der Schweiz, in den Niederlanden und in Frankreich.