Jakob Künzler (1871–1949)

Humanist, Vater der Armenier und Missionar

Jakob Künzler
Jakob Künzler / © Tony Betts

«Nicht Kraut, nicht Pflaster, nicht Geld, nicht Pflege heilt auch hier den Schaden, sondern allein das Wort des Evangeliums, das alles heilet.» Berichte aus Urfa, 1906

In Hundwil im Schweizer Appenzell in ärmlichen Verhältnissen und als zweites von sieben Kindern geboren, musste Jakob Künzler nach dem Tod seines Vaters früh Verantwortung für seine Geschwister übernehmen, da seine Mutter krank wurde und schliesslich auch starb. Der gelernte Zimmermann trat 1893 ins Basler Diakoniehaus ein und wurde zum evangelischen Diakon in Krankenpflege ausgebildet, genannt Bruder Jakob. Von seiner Grossmutter, seinem Konfirmationspfarrer und in der pietistischen Bruderschaft der Basler Diakone hatte Künzler ein breites Bibelwissen und vor allem ein starkes Zutrauen zu der erhellenden, tröstenden und zukunftsweisenden Kraft der biblischen Worte mitbekommen.

Die Zuversicht verliess den Waisen, der viele Schicksalsschläge erlebte, nie. Sein Glaubensverständnis drängte ihn dazu, dem Glauben Taten folgen zu lassen. 1899 wanderte er im Dienst deutsche Orient-Mission in die Südosttürkei aus. Im Gepäck ein Revolver und einen Sattel. Der junge Krankenpfleger trat in den Dienst des Missionsspitals in Urfa, das Menschen gleich welcher Ethnie und Religion behandelte. Der heitere und diplomatische Künzler lernte schnell die örtlichen Sprachen: arabisch, kurdisch, türkisch und armenisch. Er gewann viele Freunde, übernachtete in arabischen Lehmhütten und sang den Menschen schweizerische Lieder vor. Durch seine Arbeit wollte er Vorurteile zwischen Christen und Muslimen abbauen und die Gräben zwischen den Religionen auffüllen.

Die Gegend war 1895 Schauplatz grosser Massaker gegen die Armenier geworden, der Hass der Bevölkerung gegen diese Minderheit wuchs im Ersten Weltkrieg wieder an. Im systematischen Völkermord zwischen 1915 und 1917 mit Deportationen, Todesmärschen und Ermordungen pflegte Künzler unentwegt Patienten, führte den Spitalbetrieb notdürftig weiter und versteckte mit seiner Frau Elisabeth Künzler-Bender viele Armenier, denen sonst Deportation, Folter und der Tod gedroht hätte. Als Landesverräter wurde er zum Tode verurteilt. Zur Vollstreckung des Urteils kam es jedoch nie. Als unter den Kurden eine grosse Hungernot ausbrach, half er auch ihnen. Künzler sah Hunderte von Leichen überall am Rand der Wege, die die Deportationszüge genommen hatten. Dies bestärkte ihn in seiner Berufung, stets den Opfern beizustehen. Seine Frau hatte gute Beziehungen in die muslimischen Harems und konnte mit Hilfe dieser Freundinnen Kinder und Frauen nach Aleppo in Sicherheit bringen.

1922 war fast die ganze christliche Minderheit den Massakern zum Opfer gefallen. Künzler beschloss die Klinik in Urfa zu schliessen und emigrierte mit seiner Familie und 8000 armenischen Waisenkindern zu Fuss, in Kutschen und auf Lastwagen in den Libanon. Fortan betreute er in Ghazir ein grosses Kinderheim, das vom Near East Relief finanziert wurde. In diesem Zentrum konnten mehr als 1000 Waisenmädchen eine Ausbildung zur Teppichweberin absolvieren. Schulen und Werkstätten entstanden. Ab 1932 baute das Ehepaar Künzler, unterstützt vom Bund Schweizer Armenierfreunde, für 20000 armenische Flüchtlinge bei Beirut eine Siedlung auf. Es folgten ein Alterszentrum, ein Behindertenheim und ein Sanatorium. Künzler wurde der Ehrentitel «Vater der Armenier» zu Teil.

Das Leid der verfolgten Armenier liess ihn lebenslang nicht mehr los. In vielen Texten und Vorträgen beschrieb er ihre Lage den Menschen aus seiner alten Heimat und sammelte Spenden. Auch in den USA, wo er sich bei der Einreise mal als «professioneller Bettler» betitelte.

Künzlers Buch «Im Lande des Blutes und der Tränen» gehört zu einem der wichtigsten Zeitdokumente des Massenmordes an den Armeniern, in dem es das Grauen festhält, aber auch Zeugnisse engagierter Hilfsbereitschaft liefert. Seine Berichte dokumentieren einen Realitätssinn und ein Gottvertrauen, die es möglich machen, nichts zu verharmlosen und doch nicht zu verzweifelten. Er schrieb: «Des Christen Pflicht ist es seit jeher gewesen, Andersgläubigen zu dienen, ja sie zu lieben. Und ich bin überzeugt: Am Ende gewinnt nicht die gewaltigste Predigt, sondern die grössere Liebe die Schlacht.»