Lukas Vischer (1926–2008)

Ökumeniker, Pionier der kirchlichen Umweltbewegung, Kämpfer für Menschenrechte

Lukas Fischer
Lukas Vischer / © WCC archives

«Es geht in der ökumenischen Bewegung nicht nur darum, die Unterschiede, die in der Vergangenheit entstanden sind, hinter uns zu lassen, sondern die universale Gemeinschaft in Christus neu zum Ausdruck zu bringen und zu gestalten.»

 Lukas Vischer wuchs in Basel als jüngster Sohn einer Patrizierfamilie auf. Er spielte mit Karl Barths Söhnen Schach, hatte beim bekannten evangelischen Theologen Eduard Thurneysen Konfirmandenunterricht. Interessiert an Jus, Geschichte und Latein, wandte er sich auf Sinnsuche 1946 der Theologie zu. An Pfingsten 1946 tagte der christliche Studenten-Weltbund in Basel: Als ein Deutscher und eine Französin, deren Vater als Geisel im Krieg hingerichtet worden war, zum Abschluss des Treffens gemeinsam Abendmahl feiern konnten, war dieser Akt der Interkommunion und Versöhnung über Grenzen hinweg für den Erstsemestrigen Vischer ein prägendes Erlebnis.

Nach dem Studium in Basel, Strassburg, Göttingen und Oxford und einer Pfarrstelle in Herblingen-Schaffhausen wurde Vischer 1960 als Forschungssekretär zum Ökumenischen Rat der Kirchen nach Genf berufen. Dort wirkte er als Direktor der Kommission Glaube und Kirchenverfassung (1966 bis 1979). Sie hatte die Aufgabe, den Kirchen Mittel und Wege anzubieten, um ihre tiefsitzenden Spaltungen zu überwinden und zu neuer Einheit zu gelangen. Vischer unterhielt als Direktor auch enge Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen des Ostblocks. Er verfolgte als Beobachter des Weltkirchenrates von 1962 bis 1965 die Beratungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er blieb bis 1979 Sekretär der Gemeinsamen Arbeitsgruppe zwischen ÖRK und dem Vatikan. Und war auch interreligiös aktiv: 1968 organisierte Vischer in Cartigny bei Genf den ersten christlich-muslimischen Dialog des ÖRK.

Die Ökumene war Vischers zentrales Lebensthema. 1975 sagte er anlässlich der ÖRK Vollversammlung in Nairobi: «Es gehört wohl zu den Aufgaben der heutigen Generation, die universale Gemeinschaft der Kirche neu zu gestalten.» Viele Reisen ermöglichten ihm weltweite Kontakte und Einblicke in oft schwierige Lebenssituationen von Christen und Kirchen. Er war immer von der Frage getrieben: Wie hat angesichts der heutigen Herausforderungen das gemeinsame Zeugnis der Kirche auszusehen? Vischer wurde zum Mitinitiator der Leuenberger Konkordie, die 1973 eine Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft verschiedener protestantischer Kirchen ermöglicht. Für den Ökumeniker Vischer bedeutete Theologie treiben auch, die Antworten des Gegenübers zu hören und daraus zu lernen, verbindende Punkte in Beschlüsse zu überführen und dann in der kirchlichen Praxis zu etablieren. So initiierte er die Aufnahme der Konkordie in vielen reformatorischen Kirchen. Unter seiner Leitung entstand 1982 im ÖRK zum Beispiel die Konvergenzerklärung über Taufe, Eucharistie und Amt (Lima-Erklärung).

Nach seiner Tätigkeit beim ÖRK lehrte Vischer ökumenische Theologie in Bern und leitete die Arbeitsstelle Ökumene Schweiz, deren Büro in der Geschäftsstelle des damaligen Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes lag. Dem SEK angegliedert und doch eigenständig, bearbeitete diese Fachstelle Themen, die für den SEK bei der innerprotestantischen und ökumenischen Einheitsfindung bis heute aktuell sind. «Wachsende Kirchengemeinschaft», «Reformiertes Zeugnis heute», «Was bekennen die evangelischen Kirchen in der Schweiz?», oder «Christliches Zeugnis in einer pluralistischen Gesellschaft» sind nur einige Titel der Publikationen, die Vischer herausgab. Er gründete die Arbeitsgruppe Orthodoxie und initiierte Beziehungen des SEK zu den orthodoxen Kirchen Russlands und Georgiens, zum China Christian Council und zu reformierten Kirchen in Südkorea. Neben seiner ökumenischen Tätigkeit engagierte er sich für die Klärung und Stärkung der reformierten Identität, tief davon überzeugt, dass Ökumene die eigene konfessionelle Identität nicht aufhebt.

Vischer gründete 1981 mit seiner Frau, der Juristin Barbara Schmidt, die Schweizer Sektion der Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter (ACAT). Er war 1986 Mitbegründer der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft OeKU Kirche und Umwelt und der Erklärung von Bern (heute Public Eye). Dank seines Einsatzes für die Schöpfung im Rahmen des Konziliaren Prozesses «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung», der auf die Vollversammlung in Vancouver 1983 folgte und in der Weltversammlung in Seoul 1990 seinen Höhepunkt fand, befasst sich der ÖRK seit drei Jahrzehnten mit dem Klimawandel. In Vischers Augen schenkten die Kirchen der Bewahrung der Schöpfung und den Opfern des Klimawandels zu wenig Beachtung. Deshalb legte er seinen persönlichen Arbeitsschwerpunkt auf die Schöpfungstheologie und die ökologische Verantwortung der Kirchen. Er beteiligte sich auch am Aufbau des ÖRK-Programms zum Klimawandel.

Auch im Reformierten Weltbund mahnte Vischer die Folgen des Klimawandels an. 1982 bis 1989 war er Vorsitzender der Theologischen Abteilung des Reformierten Weltbundes und von 1982 bis 2008 Moderator der Programm-Kommission des Centre John Knox in Genf. Zuletzt stiess Vischer 2007 hier die Bewegung «Témoigner Ensemble à Genève» an, die über 60 Migrationsgemeinden mit den reformierten Gemeinden Genfs verbindet. Postum erschein seine Schrift über Calvin, in der Vischer die Gedanken des Genfer Reformators zur Einheit der Kirche, zu sozialer Gerechtigkeit, Verantwortung für Gottes Schöpfung und Heiligkeit des Lebens in Zeiten bewaffneter Konflikte analysierte.

Vischer war Vermittler zwischen kirchlichem Leben und wissenschaftlicher Forschung, zwischen lokaler und universaler Kirche. «Vischers Einsatz für die ökumenische Bewegung bat einen evangelischen, im Evangelium von Jesus Christus gegründeten Kern. Es gibt für ihn keine Nachfolge und Jüngerschaft, die sich nicht vor dem Forum der oikoumene, der bewohnten Erde also, zu bewähren hätte.» Geiko Müller-Fahrenholz.