Grundwerte

Grundwerte aus evangelischer Sicht

Der rasante strukturelle und soziale Wandel verunsichert Gesellschaft und Politik. Die gemeinsame Basis scheint zu erodieren. Angesichts dieser Herausforderungen blicken viele Menschen wieder erwartungsvoll auf die Kirche. Dort hoffen sie, gemeinschaftsfördernde Kräfte und Institutionen zu finden. Die Kirche bietet Wertorientierungen an und tritt für eine wertorientierte Praxis in allen gesellschaftlichen Bereichen ein.

Was sind die Grundwerte?

Grundwerte sind Einsichten und Handlungsmassstäbe, die von einer Gemeinschaft geteilt werden und deren Akzeptanz vorausgesetzt wird. Damit schaffen sie die Grundlagen für ein vertrauensvolles und verbindliches Zusammenleben. «Grundwerte» in christlicher Perspektive fragen nach dem christlichen Beitrag zu einem gesellschaftlichen Wertekonsens. Nur wer offen ist für das Andere, kann neue Perspektiven für das Eigene entwickeln. Solche Werthaltungen zielen nicht zuerst auf das «Christliche». Sie entwerfen aus der «christlichen Tradition» heraus einen Rahmen, der nicht ausgrenzt, sondern einschliesst.

Die zehn Grundwerte aus evangelischer Sicht

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz definiert die folgenden zehn Grundwerte aus evangelischer Sicht.

  • Beteiligung

    … vernachlässigt das Mandat der Mehrheit!

    Oder?

    Nein, vielmehr findet das Diktat der Mehrheit dort seine Grenzen, wo es die Persönlichkeits- und Freiheitsrechte der einzelnen Person berührt. Beteiligung meint die Fähigkeit und Möglichkeit, die eigenen Interessen selbst wahrnehmen und einbringen zu können, und kann in Gestalt der Menschenrechte durch keine demokratische Mehrheitsentscheidung infrage gestellt oder eingeschränkt werden.

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  • Empowerment

    … erzieht Menschen zum Ungehorsam!

    Oder?

    Ja, insofern sich Ungehorsam und Widerstand gegen Strukturen richten, die Personen, bestimmte Gruppen (Frauen, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, religiöse Minderheiten) oder Ethnien ausgrenzen, diskriminieren und ihrer Rechte berauben. Unsere Grundsätze von Menschenwürde und Humanität verdanken sich wesentlich den historischen Befreiungskämpfen solcher Minderheiten und unterdrückter Gruppen.

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  • Freiheit

    … heisst tun und lassen, was ich will!

    Oder?

    Mit der Einschränkung: solange das eigene Tun und Lassen nicht die Freiheit der anderen, etwas zu tun oder zu lassen, einschränkt. So paradox es klingt: Freiheit für alle gibt es nur dann, wenn die individuelle Freiheit sinnvoll begrenzt wird – anders gesagt: «Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden» (Rosa Luxemburg)

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  • Frieden

    … ist eine Frage der Sicherheit und Prävention!

    Oder?

    Gerade nicht: Frieden kann weder durch Sicherheitsvorkehrungen allein hergestellt werden noch darf er mit Sicherheit oder der Abwesenheit von Krieg, Gewalt und Bedrohung verwechselt werden. Frieden wird in der Bibel als Wagnis beschrieben, sich dem Nächsten zuzuwenden, nicht weil er mir vertrauenswürdig erscheint, sondern damit ich für ihn vertrauenswürdig bin.

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  • Gemeinschaft

    … funktioniert immer durch Abgrenzung!

    Oder?

    Richtig, denn solidarischer Zusammenhalt besteht darin, dass sich eine Gruppe von Menschen im Hinblick auf bestimmte Merkmale, Ideen, Erfahrungen oder Ziele näher ist als anderen. Familien bilden den Kern sozialer Gemeinschaften, ohne dass ihre Mitglieder völlig in dieser Gemeinschaftsform aufgehen würden.

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  • Gerechtigkeit

    … ist nur eine Frage der Perspektive!

    Oder?

    Genau – aber welcher? Die Gerechtigkeitsdiskussion fragt nach der alle Beteiligten berücksichtigenden Perspektive bei der Beurteilung von Entscheidungen und Handlungen. Gerecht ist die Handlung einer Person dann, wenn es nicht zulasten der Interessen und Absichten jeder anderen Person geht.

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  • Nachhaltigkeit

    … befreit die nächste Generation auf unsere Kosten von ihrer Verantwortung!

    Oder?

    Ein Widerspruch, allerdings mit richtiger Pointe – denn: Damit zukünftige Generationen Verantwortung übernehmen können, müssen sie über die Möglichkeiten verfügen, die uns zur Verfügung stehen, um Verantwortung wahrnehmen zu können. Nur wer zwischen Handlungsalternativen wählen kann, kann für seine Entscheidungen auch verantwortlich gemacht werden.

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  • Solidarität

    … unterdrückt die Verantwortung des Einzelnen!

    Oder?

    Umgekehrt, Solidarität schafft die Voraussetzung dafür, dass Menschen in die Lage versetzt werden, Verantwortung für sich zu übernehmen. Sozialstaatliche Solidarität meint die Verantwortung und die Fürsorge, die die Mitglieder einer Gemeinschaft oder Gesellschaft wechselseitig füreinander übernehmen.

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  • Verantwortung

    … wird überall und konsequent abgeschoben!

    Oder?

    Nur scheinbar, denn Menschen sind nicht in jedem Fall frei, ihre Verantwortung zu wählen. Vielmehr macht sie häufig erst ihre Verantwortung zu der Person, die sie sind. Eltern wählen nicht die Verantwortung für ihre Kinder, sondern umgekehrt: Weil sie Kinder haben, sind sie Eltern und damit für ihre Kinder verantwortlich.

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  • Versöhnung

    … ist christliche Träumerei!

    Oder?

    Nein, weil Gott in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnt hat und weil die Menschen trotz und in ihrer realen Zerstrittenheit von der Hoffnung auf versöhnliche und versöhnte Verhältnisse leben. Versöhnung auf politischer Ebene bedeutet, jeder und jedem wechselseitig das ihr und ihm zustehende Recht zuzuerkennen und zukommen zu lassen.

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