Mittwoch, 23. September 2020

Beirut – Reports

Teil 1
Heute Morgen haben wir kurz den verwüsteten Teil des Hafens aufgesucht. Man steht da und schaut ungläubig auf die Szenerie. Kleine Gedenktafeln mit den Namen der Opfer sind an der Brüstung entlang der Hauptstrasse befestigt, manchmal steht auch die Nationalität dabei. Nicht alle konnten identifiziert werden, darunter selbst einige Kinder. Noch immer wird die Information verbreitet, wonach die Hisbollah die Chemikalien ins Land gebracht bzw. diese eingesetzt hat. Das bleibt aber eine unbestätigte Behauptung. Auch eine Untersuchungskommission gibt es nicht, die Information bleibt daher unter Verschluss.

Unser Gesprächspartner George Sabra, Dekan und Präsident der «Near East School of Theology NEST», äussert vorsichtig die Hypothese, wonach es sich dabei um Angriff gehandelt haben könnte, möglicherweise habe Israel ein Munitionslager der Hisbollah, das nebenan lag, zerstören wollen (es gab zwei aufeinanderfolgende Explosionen), dies sei bereits früher vorgekommen. Gestern erst hat es in einem Waffendepot der Hisbollah im Süden des Landes eine Explosion gegeben, direkt in einer Ortschaft. Er meint, sich daran zu erinnern, an diesem Tag Flugzeuge gehört zu haben und auch andere erinnern sich daran. Das Ganze bleibt ein Rätsel und wird er vermutlich noch lange bleiben. Angesichts der politischen Konstellationen und Allianzen im Libanon, haben nur wenige Gruppen ein Interesse daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die Kirchen vor Ort reagieren auf unterschiedliche Weise. Die maronitische Kirche erhebt ihre Stimme laut, klar und deutlich und ihr Standpunkt erhält viel Zuspruch: das religiöse Proporzsystem müsse ein Ende haben. Es gibt jedoch auch Stimmen, die die Absichten der maronitischen Kirche hinterfragen. Diese scheine sich bei der Suche nach einer Verhandlungslösung mit der Hisbollah unentbehrlich machen zu wollen. Der griechisch-orthodoxe Erzbischof von Beirut hat sich ebenfalls entschieden zu Wort gemeldet. Die anderen Kirchen teilen diese Auffassungen, äussern sich aber nicht so dezidiert in der Öffentlichkeit, möglichweise weil Angehörige ihrer Kirche in Syrien leben, die Verbündete der Hisbollah sind.

George Sabra berichtet uns über drei verheerende Ereignisse, die sein Land dieses Jahr verwüstet haben: zunächst der wirtschaftliche Zusammenbruch, dann das Coronavirus und zuletzt die Explosion im Hafenviertel. Für die Bevölkerung stellt das Coronavirus momentan die geringste Sorge dar, das erklärt möglicherweise den aktuellen Ausbruch. Die Menschen stehen einfach vor dem Ruin. Offiziell leben mehr als 45% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, die bei 400 Pfund liegt. Das libanesische Pfund hat seit Jahresbeginn 80% seines Wertes verloren. Von 100 Pfund bleiben somit nur mehr 20, wie am Höhepunkt der Finanzkrise 2008. Die Dollarkonten der Banken sind teilweise gesperrt, und wenn man Geld abhebt, entspricht der Wert des libanesischen Geldes gerade einmal 30% des Dollarwertes. Es gibt mehrere Wechselkurse nebeneinander: der offizielle, derjenige der Zentralbank, derjenige der Banken untereinander, derjenige des Schwarzmarktes…Keiner blickt mehr durch. Die NEST hat fast alle Scheiben, die durch den Druck der Explosion zerbarsten, reparieren können. Für eine grosse Glastür verlangte ein Unternehmen 8000 Pfund pro Dollar! Vor einigen Monaten wären dies noch 1500 Pfund pro Dollar gewesen. Jeder freut sich über frisches Geld, da für dieses die Bankvorschriften nicht gelten und es zu einem beliebigen Wechselkurs getauscht werden kann, natürlich auch am Schwarzmarkt. All das ist jeden Tag Schwankungen unterworfen.

Bei der NEST ist am Montag wieder Kursbeginn. Geplant ist, dass die Studierenden vor Ort lernen. Die Zahl der Studierenden ist deutlich geringer als sonst, da die ausländischen Studierenden nicht kommen und andere die Gebühren nicht mehr zahlen können. Es sollte daher genügend Platz geben, um die Hygienemassnahmen einhalten zu können. Die Studierenden waren mit den Online-Unterricht nicht glücklich, ihnen fehlte der persönliche Kontakt. Wenn nötig werden die Kurse jedoch online weitergeführt. Präsident Sabra macht sich Sorge um den Nachwuchs bei den Pfarrern und Lehrenden an der NEST. Es gibt zu wenig mögliche Kandidatinnen und Kandidaten, die NEST ist immer stärker abhängig von der Unterstützung durch Lehrende aus dem Westen. Er wird das neue akademische Jahr daher mit einem Vers aus dem zweiten Korinterbrief eröffnen: «In allem sind wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, ratlos aber nicht verzweifelt, … zu Boden geworfen, aber nicht am Boden zerstört.» (2 Kor. 4, 8-9)

Teil 2

Die Hölle für die Spiritualität und Moral

Pastor Habib Badr spielt seit langem eine wichtige Rolle in der evangelischen Kirche des Nahen Ostens. Er ist seinem Vater an der Spitze der ältesten evangelischen Kirche arabischer Sprache im Nahen Osten nachgefolgt, welche 1848 gegründet wurde. Diese freie Kirche in Beirut ist auf acht Gemeinden in der näheren Umgebung angewachsen. Sie verwaltet die Schneller Schulen ebenso wie ein Altersheim, eine Ausbildungseinrichtung für digitale Technik und ein Programm zur Unterstützung von Frauen. Ca. 900 Familien waren vor dem Libanonkrieg Mitglied dieser Kirche, inzwischen haben jedoch viele von ihnen das Land verlassen. Zurzeit sind es nur noch ca. 300 Familien. Doch Habib macht sich vornehmlich grosse Sorgen um die Zukunft: Seit der Explosion im Hafenviertel sind viele fortgegangen und viele haben angekündigt, gehen zu wollen, das sind vor allem junge Leute. Sie war der Tropfen, der das Fass der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit zum Überlaufen gebracht hat.

Die Kirche befindet sich mitten im Stadtzentrum, in unmittelbarer Nähe zu den Regierungsgebäuden, nur ein paar Meter weit vom Parlament entfernt. Sobald ein Ereignis mit schlimmen politischen Folgen passiert, ist die Kirche von den Strassensperren mitbetroffen. Sie liegt auch relativ nah am Hafen. Alle Scheiben der Kirche und des benachbarten Gemeindehauses zerbarsten bei der Explosion, sämtliche Türen und Kirchenbänke wurden weggeschleudert. Habib sass zu dem Zeitpunkt in seinem Büro und bereitete eine Hochzeit vor. Nach der ersten Explosion, die er für ein Erdbeben hielt, flüchtete er hinter eine Innenmauer, gerade noch rechtzeitig vor der zweiten Explosion, die alles hinwegfegte. «Es glich den biblischen Erzählungen», sagt er.

Die wirtschaftliche und politische Situation ist für die Menschen unerträglich geworden. Die Währung hat 80% ihres Wertes verloren, somit ist auch die Kaufkraft des Lohns eines Pfarrers um 80% gesunken. Während der Gottesdienste versucht er, auf die Frage «Wo ist Gott in all dem, was mit uns geschieht?» einzugehen. In den kirchlichen Gruppen werden die biblischen Wehklagen gelesen und auch Ezechiel, Jeremias sowie die Geschichte von Jesus, der während des Sturms im Boot schläft…an etwas zu glauben, das man nicht sieht, fällt momentan besonders schwer. Aber gibt es eine andere Wahl? Gott hat seinen Jüngern nie einen Rosengarten in Aussicht gestellt.

Die Situation hat einen kritischen Punkt erreicht, er gibt praktisch kein Zurück mehr. Es gibt zahlreiche Beispiele für die Solidarität unter den Libanesen, quer durch alle ethnischen und religiösen Gemeinschaften. Die Demonstrierenden haben seit Oktober 2019 zwei Regierungen zu Fall gebracht und Parlamentssitzungen sabotiert bzw. massiv gestört. Die Frauen mobilisierten sich wie nie zuvor, alle Generationen sind auf die Strasse gegangen. Aber die Explosion im August hat bei den meisten Demonstrierenden nun die letzten Hoffnungen zunichte gemacht. Die französische Initiative für ein neues politisches Modell ist eine Antwort auf diese Mobilisierung. So oder so wird einen Wandel geben, anders ist es gar nicht möglich: Entweder wird das aktuelle System grundlegend reformiert, oder es entsteht ein Flickwerk oder es folgt der Absturz. Die schiitische Gemeinschaft beansprucht ihren Anteil am Kuchen der Macht, der ihr angesichts ihrer demographischen Stärke und der politischen Unterstützung aus dem Iran und Syrien zusteht. Andere Gemeinschaften, darunter auch die Christen, werden nachgeben müssen. Die Idee, die Schlüsselministerien in einem rotierenden System nacheinander mit verschiedenen Gemeinschaften zu besetzen, könnte überzeugen.

Ein weiterer Gesprächspartner – er ist ausgebildeter Soziologe – ist weniger optimistisch. Laut ihm leben 53’000 Obdachlose in der Hauptstadt. Die Oligarchie, die an der Macht sei, werde an ihren Privilegien festhalten; das System sei derart komplex geworden, dass es nicht mehr reformierbar sei. Die Verachtung, die die Machthabenden gegenüber anderen Menschen an den Tag legen, sei unfassbar. Überall ist zu spüren, dass den Privilegierten die eigene Verantwortung gleichgültig ist. Die Lüge und die Korruption regieren schon viel zu lange. Es wurde berechnet, dass 56 Ministern bekannt war, dass Ammoniak im Hafen gelagert wurde. Die Leute verlassen das Land fluchtartig, denn es reicht ihnen. Seit Oktober 2019 sind 83’000 Personen emigriert. Pro Woche nimmt die Botschaft von Saudi-Arabien momentan 3000 Visumsanträge entgegen. Manche sagen, dass bis zum Jahresende mehr als eine halbe Million Menschen auswandern werden. Die Moral und die Hoffnung der Menschen wurden zerstört und mit dieser Explosion endgültig gesprengt. Genau jene Geschäftsanwälte, welche jahrelang die Regierung dabei unterstützt haben, dieses Korruptionssystem auf den Weg zu bringen und die daraus reichlich Profit geschlagen haben, beraten nun die internationalen NGOs im Zusammenhang mit der Verwaltung und Verteilung der Flut an humanitären Hilfen und Geldern für den Wiederaufbau dieses Landes. Wo findet man heute ehrliche, vertrauenswürdige und menschliche Zeitgenossen im Libanon? Jedenfalls sind diese nicht an der Macht, meint er wütend.

Interview with Prof. George Sabra, President NEST

Interview Georg Sabra

Interview with Rima Nasrallah van Saane, NEST Assistant Professor of Practical Theology

Interview Rima Nasrallah

Interview with Rosangela Jarjour, Secretary General FMEEC, on the impact of COVID 19 on the work and witness of the Church

Interview Rosangela Jarjour

Interview with Rev. Riad Jarjour, former General Secretary of MECC

Interview Riad Jarjour