Freitag, 25. September 2020

Beirut Reports – Die Gefühle kochen hoch

Teil 1
Der heutige Tag war auf die Situation und Arbeit der Union der Armenisch-Evangelischen Kirchen im Nahen Osten UAECNE ausgerichtet sowie auf die Projekte dieser Vereinigung, die von HEKS unterstützt werden, darunter erstmals auch ein humanitäres Hilfsprojekt, bei dem es um die Instandsetzung von Wohnungen geht, die bei der Explosion am 4. August verwüstet wurden. Auch für UAECNE ist dies eine neue Erfahrung. Doch das Viertel, das von der Explosion besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist ein christliches, historisches Viertel mit prächtigen Beispielen libanesischer Architektur aus dem 19. Jahrhundert. Es wird vornehmlich von Armeniern besiedelt. Das Verwaltungszentrum der UAECNE wurde durch die Explosion komplett zerstört, ebenso wie die Hauptkirche des Viertels. Pastor Megrditch Karagoezian, Präsident der UAECNE, berichtet bei unserer Ankunft über die historischen Beziehungen zwischen UAECNE und HEKS sowie den Schweizer Kirchen. Die Union umfasst den ganzen Nahen Osten (Libanon, Syrien, Iran, Türkei, Irak, Zypern + Australien!). Sie zählt 6000 Mitglieder im Libanon und ebenso viele in Syrien, der Kreis der Unterstützerinnen und Unterstützer ist etwa dreimal so gross. Schwerpunkt ihrer Tätigkeit war schon immer die Bildung, die intern auch manchmal salopp als „neuronale Pipeline“ bezeichnet wird. Auch hier werden die Schwierigkeiten wegen der Wirtschaftskrise immer grösser, da den Menschen ca. 50% der Gehälter „gestohlen“ werden durch den Wechselkurs, welchen die Regierung künstlich an den Dollar gebunden hat. Es wird geschätzt, dass gegenwärtig ca. 60-70% der Bevölkerung in Armut leben, ca. 20% können sich halbwegs über Wasser halten und 10% sind sehr reich. Die Libanesen bezeichnen ihre früheren, von diesen Massnahmen betroffenen Volkswirtschaften als „Lollar“-Konten, eine Zusammensetzung aus Pfund (franz.: Livres) und Dollar. Ebenso wie die NEST sieht auch die UAECNE ihr Wirtschaftsmodell sehr stark in Frage gestellt und ist mit schwierigen und umstrittenen Entscheidungen konfrontiert.

Anschliessend führt uns Professor Paul Haidostian, Präsident der Haygazian-Universität der Armenischen Evangelischen Universität Beirut, zu einem Treffen mit den verschiedenen Projektleitern. Es gehört nicht wirklich zur täglichen Arbeit eines Professors für systematische Theologie, die Verantwortung für solche Projekte zu übernehmen. Paul H. vertritt auch die evangelische Kirche im interkonfessionellen Ausschuss, den die Armenier zur Koordination ihrer Hilfsmassnahmen eingerichtet haben. Der UAECNE war klar, dass ihre tägliche Arbeit nach der Explosion eine andere sein würde und dass sie zunächst den Wiederaufbau für die Mitglieder ihrer Gemeinschaft in Angriff nehmen musste. Dutzende NGOs meldeten sich, um eine Bestandsaufnahme der Erfordernisse zu machen und laufen seit Wochen durch die Strassen und Wohnungen. Eine Person wurde bisher von 30 verschiedener Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Organisationen aufgesucht, die Messungen vornahmen, Fotos machten, viele Fragen stellten, Formulare ausfüllten und Hilfe versprachen, aber dann ist bisher nichts geschehen. Zu den dramatischen Ereignissen, bei denen diese Menschen oft viele Lebensjahre und Erinnerungen verloren haben, gesellt sich nun auch noch der Frust. Unser Begleiter erzählt uns, dass er sich im Laufe der Zeit bei seinen Nachforschungen immer mehr schuldig fühlte, wenn er die Menschen stören und nach ihren Bedürfnissen befragen musste, da er dadurch Hoffnungen weckte, ohne aber sicher zu sein, dass ihr Antrag positiv beantwortet wird. Auch die Glaubwürdigkeit und die Verlässlichkeit der UAECNE stehen auf dem Spiel. Jeden kennt hier jeden. Er ist daher an diesem Morgen sichtbar erleichtert, als er – wie auch in den anderen drei Fällen, die wir später besichtigen – eine definitive Zusage von HEKS zur Verfügung gestellt wird, um die wichtigsten Instandsetzungen, wie die Reparatur von Türen und Fenstern, finanzieren zu können. Der Winter und der Regen stehen bereits vor der Tür.

In unter einer Stunde waren wir auf mindestens ein Dutzend Teams von NGOs wie USAID, Save the Children, Medair, UNHCR, Ärzte ohne Grenzen, muslimische NGOs etc. getroffen – ein richtiger Bazar! Die meisten von ihnen machen nur ein paar Fotos für die Kommunikation mit ihren Grossspendern, tun aber nichts oder nicht viel. Die Armee koordiniert die Hilfsmassnahmen, das Katastrophengebiet wurde in 36 Sektoren aufgeteilt. Die NGOs melden sich mit ihren Dienstleistungsangeboten und dem möglichen Finanzvolumen und bekommen dann einen Teil des Gebiets zugewiesen. Die UAECNE bemüht sich, die Mitglieder der armenischen Gemeinschaft zu erreichen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit.

Danach besuchen wir noch eine Reihe verwüsteter Wohnungen, bei denen die Mieter bereit sind, Menschen wie uns die Tür zu «öffnen» (wobei die meisten Türen herausgerissen oder zerbrochen waren). Im Lauf der Besuche kamen wir dem Ort der Explosion immer näher und konnten so die unglaubliche Wucht der Explosion, der drittstärkten der Geschichte nach Hiroshima und Nagasaki, besser erfassen. Aber die Vorstellungskraft reicht kaum aus, die Szenerie erinnert eher an einen Bombenanschlag. Fast alle, denen wir begegnen, sind dem Tod nur durch ein Wunder entgangen. Alle sind traumatisiert. Die Explosion ereignete sich gegen 18 Uhr. Um diese Zeit waren die Büros leer. Darüber hinaus sorgten die Ferien, das Coronavirus und die Wirtschaftskrise dafür, dass die Strassen nicht sehr belebt waren. Man wagt nicht, sich auszumalen, was zu einer anderen Jahreszeit oder zu einem anderen Zeitpunkt geschehen wäre. Auf einem Balkon mit Meerblick stehend, ungefähr 250m von der Autobahn entfernt, die am Hafen entlang führt, bemerke ich, dass das dicke, eiserne Geländer vollkommen verbogen ist. Am Boden liegt ein grosses Stück Gusseisen, etwa 1m lang und 20cm breit, der ebenfalls völlig deformiert ist. Die Wohnungsinhaberin zeigt uns ein verrostetes Boot im Hafen, etwa 1km Luftlinie entfernt, und erklärt, dass dies ein Stück von der Reling sei, das hier gelandet ist. In der Betonwand des Balkons haften etwa 2-3cm grosse Glasstücke, die die nicht mehr abgelöst werden können. Man erzählt uns, dass der Anker desselben Bootes noch viel weiter entfernt gefunden wurde, nachdem er die Decken eines 6-stöckigen Gebäudes durchbohrt hatte.

Später besuchen wir dann das Sozialarbeitszentrum der UAECNE im Herzen des armenischen Viertels. Lena Danaoghlian und ihr Team berichten, dass die Bitten um Hilfe, Beratung und Unterstützung seit Monaten drastisch zugenommen haben. Im Unterschied zu den staatlichen Stellen steht bei ihrer Arbeit die würdevolle Behandlung jedes eigenen Menschen im Mittelpunkt. Zuhören ist wichtig und entschädigt teilweise für die bittere Erkenntnis, dass sie nicht allen helfen können. Es ist eine schwere emotionale Last, die sie zu tragen haben. Das Team hat daher begonnen, sich zu Erholung und Freizeitaktivitäten zu treffen, um sich zu entspannen. Die Menschen sind wütend. Auf den Mauern sieht man Graffiti: «Hängt sie alle auf» (die Politiker) mit eindeutigen Zeichnungen daneben. Die Minister werden als «Kriegsherren» bezeichnet. Paul Haidostian nickt und bestätigt das, er fügt aber hinzu: «Es ist aber anzumerken, dass bis Oktober letzten Jahres, als die Banken anfingen, strenge Restriktionen für das Abheben von Geld zu verhängen, kaum jemand die Behörden beschuldigte, korrupt zu sein. Bis dahin hatten alle von diesem System und diesen Arrangements auf allen Ebenen profitiert. Jetzt, da die Brieftaschen der ‚normalen‘ Menschen betroffen sind, sind alle verärgert und wenden sich gegen diejenigen, die sie gewählt haben, um dieses System am Leben zu erhalten. Aber dieses System gibt es schon ewig, bis zurück zum Osmanischen Reich. Und die Kirchen sind auch ein Teil davon…»

Teil 2

Am Abend haben wir wieder einmal Glück: In letzter Minute treffen wir zwei aussergewöhnliche Menschen, die sich, trotz ihrer vielfältigen Aufgaben und Verpflichtungen, Zeit für uns nehmen – Linda Macktaby ist die Direktorin einer Internatsschule für behinderte Kinder («mit besonderen Bedürfnissen» ist der Begriff, der sich eingebürgert hat), die 1868 gegründet wurde (die erste im gesamten Nahen Osten). Diese wird von der NGO Libanese Evangelical Society geleitet. Ursprünglich war sie eine Einrichtung für Blinde, heute werden Kinder mit vielerlei Handicaps aufgenommen, von geistiger Behinderung bis hin zu Autismus. Linda ist Theologin und Psychologin, die auf posttraumatische Behandlungen spezialisiert ist. Ihre Schule umfasst ungefähr 40 Lehrkräfte sowie 74 Schülerinnen und Schüler, darunter 20, auch ältere, Heimschülerinnen und -schüler. Sie kämpft darum, diesen häufig ignorierten oder zurückgewiesenen Menschen, die oft wie Verrückte oder kleine Kinder behandelt und völlig sich selbst überlassen werden, Würde zu schenken. Zugleich engagiert sie sich mit ihrem eigenen Geld, dem ihrer Familie und enger Freunde in der Zivilgesellschaft, in der Reflexionsarbeit und in politischen und humanitären Aktionen, indem sie beispielsweise Taschen mit Lebensmitteln für Bedürftige packt. Gestern erst hat sie wieder 70 Taschen mit dem Nötigsten verteilt, darunter auch Pamperswindeln, die absolut unbezahlbar sind. Sie geht von einer (scheinbar) einfachen Überlegung aus: Um andere zu lieben und sich für sie einzusetzen, muss man zuallererst sich selbst lieben. Und zwar nicht sein Äusseres, seinen Beruf oder seine Erfolge, sondern die eigene innere Persönlichkeit, so wie man selbst ist. Diese muss man wahrhaftig lieben, so wie Gott uns liebt. Das ist der Ausgangspunkt, um anderen zu helfen, sich selbst zu verändern. Ihre Devise lautet: man muss vom passiven Geber UND Empfänger zum aktiven Geber UND Empfänger werden. Beide Aspekte sind gleich wichtig: Oft bleiben die Spenderinnen und Spender passiv, weil sie ihrem Geschenk an die Person, der sie helfen, keine Folge geben. Und auch der Empfänger bleibt passiv, weil es leichter ist, Almosen anzunehmen, als sich selbst zu verändern. Ihre Weisheit und ihr Wille, die beide unerschütterlich zu sein scheinen, bleiben mir im Gedächtnis. Sie hat an den Demonstrationen teilgenommen und gesehen, wie ein anderer Geist sich dort durchsetzte. Es gab ein «Yes we can, Yes we want it!». Auch am Tag nach der Explosion waren die Menschen froh: sie halfen einander dabei, die Strassen zu säubern, ohne danach zu fragen, woher die anderen kommen. Als Grund für das Ende der Demonstrationen nennt sie die Angst: vor dem Coronavirus, vor der ständig wachsenden Zahl Randalierer, von denen die meisten ihre Arbeit verloren haben und nur überleben wollen. Sie wollte nicht Pastorin werden, sie lehnt das von den Kirchen praktizierte Modell der Autorität des Pastors über die Gläubigen ab. «Kirche ist heute ein Geschäft», sagt sie. Die gegenwärtige Situation der konfessionellen Schulen scheint ihr Recht zu geben: Wenn die Schulen husten, liegt gleich die ganze Kirche auf der Intensivstation.

Fadi Daou wiederum ist maronitischer Priester, aber «vor allem» Präsident der Aydan-Stiftung, die in der politischen Strategieberatung tätig ist. Er beherrscht das Spiel der verschiedenen nationalen, regionalen und internationalen Akteure in der Region perfekt und erklärt uns in ein paar Minuten die aktuellen, verschwommenen Szenarien und Prozesse, die möglich oder zu befürchten sind. Die Wirkung der Explosion ist vergleichbar mit den Ereignissen des 11. September 2001 in den USA: Es gibt ein Davor und Danach.

Unsere beiden Gesprächspartner gehen noch weiter als die negativen Eindrücke und Informationen, die wir in diesen Tagen über die Zukunft des Libanon gehört haben, sie fügen noch eine Schicht hinzu. Der Kurs des libanesischen Pfunds wird voraussichtlich noch weiter sinken (vor einem Jahr 1 Dollar = 1500 Pfund wert, heute 1 Dollar = 8000 Pfund, morgen vielleicht 1 Dollar = 30ʼ000 Pfund??). Laut ihm sind aus heutiger Sicht drei politische Szenarien möglich (das kann sich aber schon morgen schon wieder ändern!): Das am wenigsten schlimme Szenario ist dasjenige, für das sie kämpfen und auf das so viele Menschen hoffen. Es hat eine reale Chance von nur 5%. Es geht darum, einen für die Schiiten vernünftigen und akzeptablen Kompromiss zu finden, damit innerhalb von ca. zwei Jahren ein Übergang stattfindet und das gegenwärtige System in ein neues, weniger oder nicht mehr auf dem Gemeinschaftsrecht basierendes System überführt wird. Das zweite Szenario sieht die Fortsetzung des wirtschaftlichen und sozialen Absturzes vor, der zu Gewalt, Konflikten zwischen den Gemeinschaften und einem mehr oder weniger kontrollierbaren Chaos führt, das wahrscheinlich in einem Bürgerkrieg endet. Dieses Szenario hat eine Wahrscheinlichkeit von 60%. Das dritte Szenario schliesslich ist das Schlimmste: Die Ausweitung des Konflikts auf die Region durch die Intervention ausländischer Streitkräfte und ein neuer Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. Eine Variante könnte auch sein, dass das zweite Szenario die Vorstufe des dritten ist. Ein Eingreifen der Grossmächte wird als unwahrscheinlich erachtet; die Bereitschaft, um jeden Preis einen Kompromiss zwischen den Akteuren vor Ort zu suchen, scheint sehr gering zu sein; und ein Bewusstsein und Schuldbekenntnis der Eliten und grossen Profiteure des Systems ist völlig unrealistisch. Der zweifache Besuch Emmanuel Macrons hat in der Bevölkerung viel Sympathie und Hoffnung geweckt. Aber es handelt sich um eine «standardmässige» Hoffnung, die das Verdienst hat zu existieren, weil es derzeit keinen anderen zufriedenstellenden Plan von den lokalen Akteuren selbst gibt. Daher sind seine Erfolgschancen gering. Falls das System des Gemeinschaftsrechts gelockert oder abgeschafft wird, werden die Christen am schwersten zu überzeugen sein, denn dieses System bietet ihnen Schutz und Sicherheit. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das am meisten zerstörte Vierteil ein historisches und christliches Viertel ist, wo die Mieten sehr niedrig sind und die Menschen eher arm. Der Wiederaufbau wird zu einer Gentrifizierung führen und damit zu einer, für die derzeitigen Bewohner, ungünstigen Durchmischung der Bevölkerung. Die Christen werden also auch dieses Viertel verlassen müssen…

Der Kontrast zwischen diesen düsteren Szenarien und uns selbst, die wir mit einem Glas Wein in der gemütlichen und geschmackvoll im europäischen Stil eingerichteten Lobby des Hotels sitzen, führt dazu, dass wir uns plötzlich unbehaglich fühlen. Wir sehen uns schweigend an und zögern einen Moment lang, weiterzudenken…

Interview with Prof. Paul Haidostian, president of Haygazian University

Interview Paul Haidostian

Interview with Linda Macktaby, director of Blessed School

Interview Linda Macktaby

Interview with Father Fadi Daou, president of Adyan Foundation

Interview Fadi Daoud