Donnerstag, 24. September 2020

Beirut Reports – Die Armenier halten zusammen

Seta Kedeshian ist in vielerlei Hinsicht eine typisch libanesische Frau: energisch, elegant, modern, unabhängig, selbstbewusst, freundlich und umsichtig, hochqualifiziert. Sie ist Mitglied des Rates, der dem Katholikos von Kilikien, dem armenischen Patriarchen Aram I., zur Seite steht. Sie war bisher Direktorin der Abteilung «Diakonie und soziale Gerechtigkeit» beim ökumenischen Rat der Kirchen des Nahen Ostens MECC. Vorher hat sie das armenische Rote Kreuz im Libanon geleitet. Sie ist eine ausgeglichene und erfahrene Persönlichkeit, die die Geschichte des Libanons in den letzten Jahrzehnten erlebt hat und auch jene Armeniens, allerdings aus der Entfernung. Zusammenstösse, Konflikte, Dramen und Katastrophen sind für sie nichts Neues. Aber das, was aktuell in ihrem Land geschieht, erschüttert sie. Als sie mit uns spricht, sind ihre Emotionen spürbar und erschüttern uns. Sie ist wütend und empört, nimmt kein Blatt vor den Mund, und gibt schon bald ihre traditionelle, orientalische Zurückhaltung auf. «Wir haben gegen so viel Kummer zu kämpfen, es ist bald nicht mehr zu ertragen.» Sie ist stolz auf die jungen Leute in ihrem Land, die in den Strassen demonstrierten und sagen: «Wir wollen nicht auswandern, auch wenn es für uns hier schwierig ist. Unsere Zukunft ist nicht in Europa, sondern hier, das ist unser Land. Wenn jemand gehen muss, dann die Alten, die uns in diese Sackgasse geführt haben!» Da ihnen aber ein Programm und Leadership fehlte, ist es ihnen nicht gelungen, die korrumpierte Regierung zu stürzen. Diese habe nun jegliche Würde und Anstand verloren. «Wir bräuchten eine französische Revolution, Kopf ab!», sagt sie wütend und lacht zugleich über ihre Kühnheit und Übertreibung.

Unter den Opfern der Explosion sind viele Christen; das am härtesten getroffene Viertel ist ein Geschäftsviertel, in dem mehrheitlich Christen leben. Das armenische Viertel Bourj Hammoud wurde auch stark in Mitleidenschaft gezogen. Katholikos Aram, der gerade Ferien in den Bergen machte, eilte umgehend nach Antelias (dem Sitz des Patriarchats) und besuchte – nachdem er das Ausmass der Schäden gesehen hatte – sofort das armenische Viertel, da er ahnte, dass es dort zu massiven Verwüstungen gekommen war. Er ging auf die Menschen zu, die geschockt und wie betäubt durch die Strassen liefen, redete mit ihnen und hörte ihnen zu. Am nächsten Tag veröffentlichte er ein Communiqué und drängte die Regierung, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen. Dann hat er Persönlichkeiten aus der armenisch-evangelischen und armenisch-katholischen Kirche zu sich gerufen, um gemeinsam mit ihnen ein Hilfskomitee einzurichten. Mehr als 3000 hilfsbedürftige Familien erhielten Geld, und eine Gruppe von Ingenieuren und Architekten erstellten eine Liste des benötigen Reparaturmaterials. Ausserdem wurde beschlossen, dass die Kinder in den armenischen Schulen für das Schuljahr 2020/21 keine Schulgebühren zahlen müssen. Da sie überzeugt waren, dass die Verfahren und Angestellten des Staates, der Polizei und der Armee, die eine Bestandsaufnahme der Schäden hätten machen und die Verteilung der Hilfsgüter hätten koordinieren sollen, Teil dieser endemischen Korruption sind, wollten sie die Verantwortung für ihre Gemeinschaft lieber in die eigenen Hände nehmen, sich selbst organisieren und erwarteten eher nichts vom Staat. «Wir Armenier sind ‹genetisch› vorprogrammiert, rasch auf Katastrophen zu reagieren». Diese beiden Identitäten, die armenische und die libanesische, verschmolzen dieses Mal zu einer einzigen. Seta Kedeshian will, dass die gemeinschaftliche Identität nicht mehr Vorrang haben soll vor der armenischen, wie dies in diesem Land oft der Fall war. «Die Mentalität und die Menschen, die diese Mentalität propagieren, haben die Identität des libanesischen Volkes vernichtet. Das ist so hart», sagt sie und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Danach begeben wir uns in die Berge oberhalb der Stadt, wo die Nationale Evangelische Synode in Syrien und Libanon NESSL ihren Sitz hat. Sie ist die wichtigste reformierte Kirche des Landes, und umfasst auch Syrien. Zu ihr gehören 14 Gemeinden in Syrien und neun im Libanon, mit ca. 40ʼ000 Mitgliedern bzw. Nahestehenden. Etwa ein Viertel ist in der Kirche aktiv. Daneben verwaltet die NESSL auch noch elf Schulen mit ca. 12ʼ000 Schülerinnen und Schülern, zwei Kinderkrippen und weitere Einrichtungen. Damit kann sie einen Grossteil der Löhne der Pastoren zahlen, sowie ca. 80 Angestellte finanzieren. Bildung ist das Markenzeichen der evangelischen Kirchen in der Region, ihr Trumpf, den alle kennen und anerkennen, und der Grund, weshalb bis jetzt ein guter Teil ihrer Mitglieder der Mittelklasse angehörten. Doch der wirtschaftliche Zusammenbruch hat nicht nur Auswirkungen auf die Kirchenkollekte, sondern auch auf die Schulen, denn viele Eltern können die Schulgelder nicht mehr zahlen. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler ist derart gesunken, dass der Haushalt der Kirche bedroht ist und sie gezwungen ist, Notmassnahmen zu ergreifen, darunter auch die Umschichtung von für andere Projekte vorgesehene Geldern und die Senkung der Löhne.

Die Menschen fühlen sich von Gott verlassen, wie Jesus am Kreuz, meint Joseph Kassab, Präsident der NESSL. «Die Menschen fragen, ob Gott sie noch liebt. Natürlich halten sie an der sonntäglichen Hoffnung auf Ostern fest. Aber im Nahen Osten hat man das Gefühl, dass zwischen Freitag und Sonntag nicht drei Tage liegen, sondern mehrere Jahrzehnte».

Ein neues Hilfswerk

Am 1. Januar dieses Jahres hat NESSL eine neue NGO, namens Compassion Protestant Society CPS ins Leben gerufen, um ihr soziales und diakonisches Engagement nach aussen sichtbarer zu machen. Dessen Direktor, Georges Ziadeh, berichtet uns über die zu Anfang für diese NGO recht schwierige Situation im aktuellen Kontext: einerseits ist das Budget zu Beginn überschaubar gewesen, andererseits musste rasch auf Katastrophen wie der Explosion am Hafen und COVID-19 reagiert werden. Dies inmitten einer Wirtschaftskrise und mit einem winzigen Team, gleichzeitig sollte die NGO aber ihren Bekanntheitsgrad steigern, Spenden sammeln und interne Strategien und Prozeduren entwickeln. Zeit für all dies blieb auch nicht wirklich. Mehrere europäische Hilfswerke, darunter HEKS, suchen daher nach dem richtigen Weg, die CPS nun in den Sattel zu heben.

Interview with Najla Kassab, President WCRC

Naila Kassab

Interview with Seta Khedeshian, member of the Council of Armenian Patriarchate of Cilicia

Standbild Seta Khedeshian