Dienstag, 22. September 2020

Beirut – Reports

Heute ist der erste der beiden Tage Quarantäne, die wir einhalten müssen, während wir auf unsere Corona-Testergebnisse vom Flughafen warten. Eine gute Gelegenheit, ein bisschen die nähere Umgebung des Hotels zu erkunden. Das Hamra-Viertel gleicht normalerweise einem quirligen Ameisenhaufen. Boutiquen und Geschäfte reihen sich an Hotels und Lokale. Heute aber scheint das Leben draussen runtergedrosselt zu sein. Es gibt relativ wenig Verkehr, kaum Leute in den Lokalen, viele Geschäfte sind geschlossen oder stehen leer, Bettler sind an jeder Strassenecke anzutreffen. Nur hier und da sitzen ein paar Jugendliche rauchend beisammen und schlürfen ihren Kaffee, sie sehen unbekümmert aus und tun, als ob nichts wäre. Bei allen, die das Hotel betreten, wird Fieber gemessen, davor muss man sich noch die Hände desinfizieren. An einigen Gebäuden sind Spuren der Explosion zu sehen, aber in diesem Viertel sind es nicht so viele. In der Umgebung stehen einige Krankenhäuser, dort ist viel los.

Heute Nachmittag dann ein Glücksfall, der uns unerwartet geschenkt wird: Pastor Haroutune Selimian, Präsident der kleinen armenisch-evangelischen Gemeinschaft in Syrien kommt vorbei. Er kommt aus Aleppo. Die Menschen dort wurden – nachdem sie bereits die Hölle der Blockaden und Bombardierungen durchgemacht hatten – im August schwer von Covid-19 getroffen: 68 Ärzte starben allein im August und auch mehr als 180 Mitglieder der armenischen Gemeinden sind der Krankheit erlegen. Medizinische Ausrüstung ist Mangelware, seien es Masken, Desinfektionsmittel, Medikamente usw., aber auch das medizinische Knowhow zur Bekämpfung der Pandemie fehlt. Eine Hilfslieferung aus Russland mit medizinischer Ausrüstung, die eine deutsche NGO organisiert hat, wird in Latakia, einem Stützpunkt der russischen Marine, blockiert. Pastor Haroutune muss mit dem Bürgermeister der Stadt Kontakt aufnehmen, damit eine Militäreskorte die Lieferung nach Aleppo transportiert: «Sonst werden die Milizen uns alles stehlen». Er betont, dass die westlichen Wirtschaftssanktionen die Situation der Bevölkerung deutlich verschlimmert haben und ist darüber sehr wütend.

Die Schulen haben soeben wieder den Unterricht aufgenommen. Die Schule der armenisch-evangelischen Kirche umfasst 200 Kinder, darunter auch viele nicht-evangelische Schülerinnen und Schüler. Wie sollen die Kinder umgehen mit Covid-19, wenn selbst die Ärzte und Lehrpersonen nicht so genau wissen, was man tun soll? Viele Eltern haben ihre Kinder daher gar nicht erst angemeldet. Sie warten lieber ab, wie es mit der Epidemie weitergeht. In Aleppo gibt es drei evangelische Pfarrer, die Gemeinden umfassen jeweils ca. 200 bis 300 Familien. Zurzeit aber leisten die Pfarreien Sozialarbeit und humanitäre Hilfe, die etwa 800 bis 900 Familien zugutekommt. «Die Kirche schafft Leben», sagt Pastor Haroutune. Die Gemeinde ist daher an vielerlei Orten tatkräftig unterwegs, für die Frauen werden Nähkurse angeboten, sowie Kurse für Maniküre, Pediküre und Haareschneiden. Pastor Haroutune unterstützt die Frauen auch dabei, einen eigenen Salon zu eröffnen. Manchmal wird er gefragt: «Ist es wirklich die Aufgabe der Kirche, den Frauen dabei zu helfen, einen Coiffeursalon zu eröffnen?» «Aber natürlich», antwortet er dann. Diese Frage überrascht ihn beinahe, angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage Syriens. Am liebsten würde er eine ganze Reihe kleiner Geschäfte aufploppen sehen – «so wie wenn man Popcorn machen würde». Er muss zudem gegen den Pfarrermangel kämpfen. Im Nachbarort gibt es seit kurzem keinen Pfarrer mehr. Dieser ist lieber in den Libanon gegangen. «Ein Landpfarrer in meiner Kirche in Syrien verdient ungefähr 50 USD. Hier in Beirut bekommt er 1500 USD. Ich unterhalte mich oft mit Theologiestudierenden und sage ihnen: Pfarrer zu sein, das ist eine Berufung, und keine Vorliebe.»

Interview with Pastor Haroutune Selimian

Interview With Pastor Haroutune Selimian