Mittwoch, 11. Mai 2022

Beirut – Reports

11. Mai 2022

Erosion und allmähliche Auflösung der Vision einer ökumenischen Bewegung

Der Sitz des Middle East Council of Churches MECC, des nahöstlichen Kirchenrats, befindet sich hier in Beirut. Die Generalversammlung dieser Organisation tritt in diesen Tagen physisch in Ägypten zusammen. Der MECC unterscheidet sich von anderen ökumenischen Organisationen in der Region dadurch, dass ihm die verschiedenen katholischen Kirchen angehören. Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass die Ökumene hier intensiver ist als anderswo. Gründe dafür sind insbesondere die Präsenz der christlichen heiligen Stätten in der Region und der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Hier wie auch an anderen Orten wird die ökumenische Zusammenarbeit immer weniger wichtig, der ÖRK in Genf scheint sehr weit entfernt zu sein. Fast keiner meiner Gesprächspartner vor Ort weiss Bescheid darüber, was derzeit im ÖRK vor sich geht. Dies trifft auch auf die evangelischen Kirchen zu. Die protestantische Kirchenfamilie ist im «Fellowship of Middle East Evangelical Churches FMEEC» zusammengefasst, deren Geschäftsstelle – die aus nur einer Person besteht, die von daheim aus arbeitet – auch in Beirut angesiedelt ist. Die Ermüdungserscheinungen in der Ökumene sind sichtbar. Signifikante Fortschritte beim Zusammenschluss dieser kleinen Kirchen lassen auf sich warten. Für viele Verantwortliche bedeutet Ökumene in erster Linie finanzielle Hilfe, um die Durchführung von Projekten sicherzustellen, oder sogar die Gehälter.

Doch hier wie auch in anderen Teilen der Welt zeigt sich, dass sich hinter dieser bereits seit längerem erkennbaren Erosion die Auflösungserscheinungen im Hinblick auf die Verwirklichung der ökumenischen Vision verbirgt, die Aushöhlung des Grundprinzips: «Alle sollen eins sein». Diese Auflösungserscheinungen haben mindestens drei Ausformungen:

Erstens, der christliche Nationalismus. Mehrere Kirchen sind versucht, der Vision zu folgen, wonach die Erscheinungsbild bzw. das Auftreten des Christentums im nationalen Kontext Vorrang hat und praktisch universell gültig ist. Jedenfalls hat sie Vorrang vor anderen Ausrichtungen. Das sieht man heute nicht nur in Russland. Es geht darum, die vor Ort geltenden Werte zu verteidigen, welche vor vermeintlichen oder echten Gefahren schützen, die von aussen oder durch eine andere Kirche derselben Kirchenfamilie oder einer neuen Kirche mit pfingstlicher oder fundamentalistischer Prägung eindringen. Selbst ultrakleine Minderheitskirchen fangen plötzlich an, Regierungen, die sie zugleich schützen und bedrohen, zu verteidigen oder sich nicht mehr zu äussern. Das sieht man in Syrien, im Irak, in Ägypten, teilweise auch im Libanon. Aber auch in Polen und Ungarn.

Zweitens, der Wokismus – ich habe aktuell keinen besseren Begriff dafür. Es geht um das, was von den sozialen Medien nach Belieben kolportiert wird. Eine geäusserte Meinung reicht aus, um glaubwürdig zu sein und ernst genommen zu werden; unabhängig davon, über wie viel theologisches Fachwissen oder Wissen über die Geschichte der Ökumene die Verfasserin oder der Verfasser verfügt oder ob diese Person eine institutionelle Verantwortung trägt. Es geht um eine Ökumene des «Hier und Jetzt oder Nie». Eine Stellungnahme zu einem bestimmten Ereignis oder ein Beschluss wird als Entscheidung mit Absolutheitscharakter verstanden; diese Bewertung erfolgt, ohne sie in einem Kontext oder in der Geschichte zu verorten. Wenn eine Position der liberalen Sicht der Ökumene widerspricht, ist die Ökumene eben tot. Der Bezugspunkt ist nicht die Diskussion, aus der diese Position hervorgegangen ist, sondern die Bedeutung dieser Position im Vergleich zum absoluten Ideal der Ökumene. Die Auflösung ist das Resultat aus der Momentaufnahme einer Idee. Diese Form ist in unserem europäischen und westlichen Kontext weit verbreitet.

Drittens, der Konfessionalismus. In vielen kirchlichen Kreisen auf der ganzen Welt kann nur die konfessionelle Auslegung die Meinung der Kirche und vor allem der anderen Kirchen wiedergeben. Das dogmatische Primat hat Vorrang vor der Berufung zur Einheit, welche selbstkritische Reflexion und die Überzeugung voraussetzt, wonach die andere Tradition etwas von der göttlichen Wahrheit hat, das mir fehlt. Die konfessionelle Verhärtung macht sich hier insbesondere zwischen Orthodoxen und Nicht-Orthodoxen bemerkbar. Bei uns in Europa ist sie innerhalb jeder Konfession zwischen verschiedenen Strömungen erkennbar, die sich gegenseitig intensiv bekämpfen und nicht fähig sind, die Einheit der eigenen Kirche in den Vordergrund zu stellen. Auch diese inneren Bruchlinien schränken die Reichweite der ökumenischen Vision ein.

All diese Herausforderungen werden auch Teil der Gespräche sein, die wir auf den Fluren und im Plenum bei der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe im September führen werden.