Dienstag, 10. Mai 2022

Beirut – Reports

10. Mai 2022

Eine Kirche, die nur mit Bedrohungen konfrontiert ist

Vertreterinnen und Vertreter von mehreren kirchlichen Hilfswerken aus Europa und Amerika sind diese Woche in den Bergen Libanons mit der NGO Compassion Protestant Society PCS zusammengekommen. Diese NGO, die vor zwei Jahren von der Nationalen Evangelischen Synode in Syrien und Libanon NESSL gegründet wurde, und die Hilfswerke tauschten sich aus über die Strategie und Schwerpunkte der CPS mit dem Ziel der gemeinsamen Koordination ihrer Aktivitäten. Am Programm standen Vorträge über das, was geplant ist bzw. bereits umgesetzt wurde, sowie Besuche und Diskussionen über die wirtschaftliche, kirchliche, sicherheitspolitische und soziale Situation in den beiden Ländern. Die schwierigste Debatte betraf die Wechselkursschwankungen und die Frage, wie damit umzugehen ist. In beiden Ländern ist der Wechselkurs eingebrochen bzw. schwankt so stark, dass jegliche Vereinbarung über die Finanzierung eines Projekts am nächsten Tag durch eine weitere Abwertung hinfällig werden kann, aber auch dadurch, dass es notwendig ist, den «grauen» Markt zu nutzen, damit nicht der gesamte Wert der erhaltenen westlichen Devisen verloren geht. Dies wiederum schafft für die Hilfswerke unmittelbar Probleme in Bezug auf ihre internen und externen Kontrollsysteme und -instanzen.

Welche Rolle kann eine Kirche angesichts einer solchen wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe spielen, z. B. in Syrien, wo 90 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben? «Wir müssen die Menschen wieder das Fundament des Menschseins im christlichen Glauben spüren lassen», sagte ein Teilnehmer. «Wir haben durch die Menschwerdung Jesu Christi erfahren, dass die Menschheit, dass das Leben eines Menschen, egal wer dieser Mensch auch ist, das wertvollste Gut auf der ganzen Welt ist». Eine junge Pastorin, die in einem Gebiet mit bewaffneten Konflikten lebt, sagte darauf: «Bei uns haben die Christen weder Unterstützung noch Hoffnung. Daher ist eine Diskussion mit ihnen über ‚Werte‘  undenkbar. Sie brauchen nur Hilfe zum Überleben». Die Kinder trauen sich nach 16 Uhr nicht mehr aus dem Haus. Nur das Kirchengebäude ist noch ein sicherer Ort. Sie wurde gerade erst ordiniert, muss sich aber täglich hinter ihrem Rücken säuerliche und spöttische Bemerkungen anhören, auch von Christen anderer Konfessionen. Diese werfen ihrer Kirche vor, sie seien «Ausländer» und wollten LGBTQ+-Prinzipien einführen oder könnten ihr keinen Dienstwagen zur Verfügung stellen. Traditionelle evangelische Christen werden gleich doppelt abgestraft, weil sie zugleich arabischstämmig und evangelisch sind. Zur Vertreterin des HEKS gewandt sagte sie mit etwas brüchiger Stimme: «Ihre Unterstützung für die Kinder unserer Gemeinde hat uns geholfen. Wenn ich sehe, wie eine Mutter ihre strahlende und ungeduldige Tochter mittwochs zu den Treffen bringt, weiss ich, dass ich etwas Gutes tue, egal was es kostet. Wir spüren ihre Freundschaft.»

Diese drei Pastoren aus Latakia, Aleppo und Hassake einen ganzen Tag lang vor sich und bei sich zu haben, ist ein Privileg und einer dieser Momente, in denen die ganze Arbeit plötzlich Sinn macht.